Quellen

Literatur

Mendelism


Bild 1: Titelseite der ersten Ausgabe.

In „Farben und Farbvererbung beim Pferd“, im Kapitel über Populationsgenetik, erzähle ich vom Rennpferde Züchter Federico Tesio, der, nachdem er 1906 zufällig auf ein Buch mit dem Titel Mendelism stieß, die neue Theorie erst prüfte mithilfe der Vererbung der Pferdefarben. Tesio schrieb (in „Rennpferde“), dass das Buch aus dem Deutschen ins Englische übersetzt war, aber ich fand nur ein auf Englisch geschriebenes Buch. Mendel hat aber Deutsch geschrieben, z.B. Gregor Mendel: Versuche über Pflanzen-Hybriden. In: Verhandlungen des Naturforschenden Vereines in Brünn. 4/1866, S. 3–47.
Natürlich war ich neugierig genug, um zu versuchen ein Exemplar von „Mendelism“ zu finden. Ich erwarb eine Faksimile Ausgabe, angeblich vom ersten Druck aus 1905, aber der Text war vom zweiten Druck aus 1907. Hiermit hatte ich eigentlich Glück, da das nach dem Autor Reginald Crundall Punnett (1875-1967) „Punnett square“ genannten Rekombinationsquadrat noch nicht in der ersten Ausgabe aufgenommen war. Auf 84 Seiten erfährt der Leser wie Mendel seine Experimente durchführte (am Ende des Buches findet man Tipps wie selber diese Experimente zu wiederholen), dass seine Schlussfolgerungen erst 1900 wieder entdeckt wurden, daraufhin aber viele neue Beispiele bei Pflanzen und Tieren zur Verständnis der Vererbung beigetragen haben. Der Autor spricht das Phänomen der (unvollständige) Koppelung von Eigenschaften an, die Rolle von fluktuierenden versus plötzlichen Variationen (Mutationen), und auch ökonomische Aspekte, ja, sogar mögliche Folgen für die bisherige Bemühungen die niederen Menschenklassen mit Hilfe von Hygiene und Bildung zu erhöhen.


Bild 2: Erklärung der monohybriden Vererbung.

Bild 3: Rekombinationsquadrat zu der dihybriden Vererbung.

 
So aktiv Forscher sich die neuen Theorien widmeten, und so populär das Buch „Mendelism“ war, die Erkenntnissen gehörten nicht unmittelbar zum Allgemeingut. Eine der letzten Publikationen des Hippologen Sir Walter Gilbey (1831-1914) handelt vom Farbzucht bei Pferden: Vollblut, Hackney und Shire. Es ist die zweite Ausgabe von „Horses, Breeding to Colour“.  Ohne Kenntnisse von den Mendelschen Gesetzen, das heißt, von dem Zusammenwirken zweier Allele eines Gens, bleibt es beim Rätselraten warum manche Pferde in ihrer Farbe konsequent eine stärkere Vererbkraft (English prepotency) vorweisen, andere nur hin und wieder, wenn überhaupt. So wird die Schimmelfarbe als „affirmativ“ bezeichnet, aber der Schimmelhengst, unter dessen sieben besten Söhnen nur einen Schimmel war, als schwach in Bezug auf seinen Farbvererbkraft. Auch die Fuchsfarbe wird als „beeindruckend“ charakterisiert, weil sie die Neigung hat sich selber zu reproduzieren; besonders wenn beide Eltern Fuchs sind. Dieses Gedankengut gibt es noch immer. Es ist sozusagen eine natürliche Ausgangsposition, wenn man anfängt über Vererbung nachzudenken. Ich hatte den Vorteil gleich mit den Mendelschen Gesetzen als erwiesen und erprobt konfrontiert zu werden, und dazu noch in der Schule DNA-Stränge gebastelt zu haben, aber davon sind wir mit „Mendelism“ noch weit entfernt.
In den nächsten 20 Jahren sollte „Mendelism“ mehrere Herdrücke und neue Ausgaben erleben, und in mehreren Sprachen übersetzt werden. In die fünfte Ausgabe, von 1919, präsentiert Punnett die damals noch kontrovers diskutierte Chromosom Theorie von Morgan, obwohl er (noch?) kein Anhänger war, da sich die Theorie bisher auf Forschung an Drosophila beschränkte. Punnett meinte,
das die Theorie zu Fall käme, würde man bei anderen Organismen mehr unabhängige Eigenschaften finden als Chromosomenpaaren. Dies festzulegen könnte Jahre dauern. Annahme der Chromosom Theorie wurde außerdem bedeuten, dass die zuvor herrschende Idee vom Präsenz versus Absenz einer Eigenschaft (grob weg dominant versus rezessiv) neu formuliert werden musste, da auch „verlorene“ Eigenschaften Platz auf den Chromosom besetzen wurden.

Bild 4: Die Ausgabe 1922.

Mein Exemplar aus 1922  (5e überarbeiteter Druck) hat 215 Seiten. Es bietet Einblicke und zahlreiche Beispiele aus der Zeit als man sich noch mühsam an den Grundlagen der Genetik herantastete. Jedes Experiment konnte einem aus der Bahn werfen, mit abweichenden Phänotypen (hoffentlich durch verdeckte Faktoren) oder Zahlenverhältnissen, wie bei Anpaarungen von Mäusen in unterschiedlichen Farben. Warum, zum Beispiel, gab es keinen reinerbigen gelben Mäusen? Waren etwa die weiblichen und männlichen Gameten unfähig zu verschmelzen? Lag es an den Embryos? Die Mendelschen Gesetze brauchten Erläuterungen und Ergänzungen, fanden aber wieder und wieder eine Bestätigung.  Der 7e überarbeiteter Druck erschien 1927. Für einen kleinen Preis kann man im Internet eine Faksimile Kopie erwerben – leider nicht ist nicht immer klar, um welchen Druck es sich handelt. Original gebrauchte Exemplare werden auch angeboten, aber neben erschwingliche Bücher auch recht teure.