Über mich

Zur Verblüffung meiner Familie bin ich eine Pferdenärrin, und das schon von Kindesbein an. Es muss wohl ein Pferdegeist über meine Wiege gewiehert haben.
Geboren bin ich in Indonesien, auf einer abgelegenen Insel. Alle paar Wochen brachte ein Schiff Briefe und Pakete; zum ersten Geburtstag sogar ein Pferd. Und ein Jahr später… noch ein, diesmal grau. Aus einem Brief meines Mutters: … ist total begeistert und durchgedreht! Sie ist überglücklich mit dem Pferd, das sie unter dem Arm festgedrückt hält.

 

Wer weiß, ob ich nicht bald ein echtes, tanzendes Pferd der Insel reiten dürfte, statt meines Schaukelpferdes?

 

 

 

Wir zogen aber nach Holland, wo die Pferde groß, jedoch im Stadtbild immer seltener zu sehen waren. Ich erinnere mich aber noch an dem Tag, als der Gemüsebauer ohne Karre erschien. Wie, ich zu klein! Nun, manchmal muss man sich, obwohl hoch zu Ross, mit einem halben Sieg zufrieden stellen, eingeengt und Zügellos.

 

Erst einige Jahre und ein paar Umzüge später, wieder in Indonesien, endlich die ersten Reitstunden. Als Anfänger hoppelte man so gut es ging hinterher, auf den alten Peter oder Mickey, bemüht den leichten Trab zu finden, weil man dann Rebecca bekam, die gescheckte Stute, oder gar Spearlight. Reiten erwies sich leider anders als man seinem Lieblingsbuch „Pat’s Harmony“ entnehmen konnte: Pat versorgte ihr Pferd selber, galoppierte und lernte springen. Doch war ich dankbar und stolz, als einer der Burschen mir zeigte welche Schnalle auf zu machen war um die Trense abzunehmen. Ich bettelte wiederholt um Galopp. Die politische Situation für Niederländer war schlecht, viele verließen das Land, aber irgendwie funktionierte der Reitstall auch ohne feste Reitlehrer. Man gab nach. Der Plan: ich musste, auf den sicheren Mickey, nur meinen Platz halten zwischen zwei Erwachsenen hinter mir, zwei vorne. Auf dem Kommando Galopp baumte das erste Pferd, Spearlight, sich auf, seine bewusstlose Reiterin wurde weggetragen, Ende Lektion. Die letzten Wochen vor ich in den Niederländen geschickt wurde, wegen des sechsten Schuljahres (mit den Examen für die sekundären Schultypen), war ich die einzige in der Kinderstunde. Schade um den Reitstunden: der Mann der mich übernommen hatte, versuchte mich allerhand beizubringen und ließ mich sogar galoppieren, auf Spearlight.

Wieder einige Jahre und ein paar Umzüge später – wir wohnten in Paris – war es Zeit für Entscheidungen. Einerseits bereitete das Erlangen des ersten Reitabzeichens (wonach man Recht hatte auf Dressurzäumung mit doppelter Zügel und Sporen), gefolgt von einem Schuljahr mit lauter Sitzübungen, mich vor auf seriösem Dressurunterricht (die Wände der Reithalle waren geschmückt mit Sprüchen der alten Meistern und Diagramme von Zügelhilfen und Beinpositionen), anderseits gab es in den „frische Landluft“ Ferien der Ponyhof, zufällig der erste Hof dieser Art mit Islandpferden in den Niederlanden, mit denen man, wie es damals hieß, höchstens eine kleine

 

 

Gehorsamheitsprüfung absolvieren konnte. Auf Edda Husið putzten und sattelten wir selber, machten herrlich lange Ritte, und dürften bei allen anfallenden Arbeiten mitanpacken. Schöneres gab es nicht.

 

 

Als ich mit fünfzehn ein eigenes Pony bekam, für den Urlaub, und später während des Studiums auch an vielen Wochenenden, mutierte ich zum Wald- und Wiesenreiter. Sóley frá Nupakoti, geboren 1952 und nur 1,265 m Stockmaß, wusste sehr wohl, dass ich ihr gehörte: wehe dem Herdenkamerad der, in meinem Weg stehend, sich ein paar Streicheleinheiten holte. Sóley (Imp 46-A) war, tragend, 1958 aus Island importiert worden. 1961 bekam sie ein Fohlen vom ersten Jahrgang des ersten, aus Deutschland importierten, Islandhengstes. Als sie zu mir kam hätte sie tragend sein müssen, von einem Araberhengst.

 

 

Damals hatte ich als jugendlicher wahrscheinlich noch kein Stimmrecht, aber ich war in der Jahreshauptversammlung dabei als im jungen niederländischen Zuchtverein die Fetzen flogen; das Erwachsene sich so streiten konnten! Die „Veredler“ verloren, sollten sie sich doch anderen Ponyrassen widmen… Für Züchter war aber zu der Zeit guter Rat teuer. Richter kamen anfangs aus der Pferdewelt, wo man nicht an Tölt („Lahm auf vier Beinen“) oder Rennpaß interessiert war, so dass jegliche laterale Veranlagung mit Punktabzug bestraft wurde. Natürlich ist der Zockelpaß auch beim Islandpferd unerwünscht, und sind korrektes reiten und ausbilden notwendig. Die frühen Theorien über die Gangarten waren leider eher kontraproduktiv und führten zu viel Druck und Zug. Ich schaffte es auf der Art nicht zu tölten, aber im Laufe der Jahre hat sich erfreulicherweise viel geändert. Eine Pferdenärrin bin ich nach wie vor. Ich liebe es ein eigenes Islandpferd zu besitzen, es täglich zu versorgen und nebenbei aus der Fülle an Wissen rundum das Pferd zu schöpfen.

 

Hlér, Signalreiten in freier Haltung.
Hlér, Signalreiten in freier Haltung.

 

Idealbild, gut 50 Jahren her.
Idealbild, gut 50 Jahre her.

 

Hlér, in schöner Form, ohne Zug
Hlér, in schöner Form, ohne Zug

 

In Frankreich gehörte die Farbnomenklatur zum Lernstoff. Bis der Reform in 1999 merkte man sich die als BANC BIS GAL R P, für Blanc, Alezan, Noir, Café au Lait (alle Haare die gleiche Farbe) – Bai, Isabelle, Souris (die Jacke zeigt zwei getrennte Farben) – Gris, Aubère, Louvet (die Jacke zeigt zwei gemischte Farben) – Rouan (die Jacke zeigt drei gemischte Farben) – Pie. Damit wäre Sóley wohl Café

au Lait, crins lavés et marques primitives. Die niederländische Nomenklatur war anders aufgebaut, ähnlich der deutsche, aber das „Isabellfalbe“ auf ihren Papieren konnte ich nicht umsetzen. Es hätte Fuchsfalbe mit hellem Behang sein sollen, wie ihre, meist falben, Nachkommen zeigten. Überhaupt präsentierten die Isländer nicht nur viele, sondern auch eigenartige Farben. Als die ersten Poster und Bildbänder erschienen, gab es Farbnamen in verschiedenen Sprachen, oft buchstäblich aus dem Isländischen übersetzt, was für zusätzliche Verwirrung sorgte. Am Hilfreichste erwies sich, nach und nach, die Entschlüsselung der Genetik der Farben zu verfolgen, was sich niedergeschlagen hat in Bücherreihen und zahlreichen Ordnern gefüllt mit Artikeln. Mit dem Thema kann ich mich immer noch stundenlang beschäftigen. Auch weitere Themen, wie die Domestikationsgeschichte, Fohlen- und Jungpferderziehung, Reitlehre, sonstige Aspekten der Genetik (samt möglichen Umwelteinflüssen), interessieren mich. Wohl hätte ich gerne mehr praktische Erfahrungen als Züchterin gesammelt. Sóley schenkte mir Moðir (1.37 m) und Fylgja (die, noch jung, nach einem Gewitter tot auf des Besitzers Weide lag). Moðir, 1A mit Nachkommen gekört, kaufte ich wieder. Sie adoptierte jung (Jährling) und klein (Shetland Pony), liebte, ohne weiteren Erfolg. Wie Sóley hatte auch Gloría schon zwei Fohlen geboren; es folgte Hefring (die auf Island verunglückte), weiter nichts, nichts und nichts, bis ich letztendlich zumindest ihren Sohn Hlér aufziehen dürfte.

Heute stehen drei Islandpferde im Paddock, davon zwei Rentnern. Mit Hlér frá Sóleyjarkoti (wie hätte ich meinen Stallname anders wählen können) reite ich durchs Gelände, wenn wir uns nicht auf dem Dressur- und sonstige Übungen widmen.

 

Gymnastik unter Aufsicht von Bess.
Gymnastik unter Aufsicht von Bess.